Berlin macht einen Punkt…

DSC06248dotBerlinWer bislang eine Internetadresse reservieren wollte, nutzte eine der üblichen Endungen wie .com oder .de.  Seit März hat nun auch das Land Berlin eine eigene Endung. Was mit der Punkt-Berlin-Adresse erreicht werden kann und soll, welche Wirkungen damit für das Land und seine Kreativbranche möglich werden, wollte der Fachausschuss Wirtschaft auf einer Veranstaltung klären, die in Zusammenarbeit mit den Berliner Wirtschaftsgesprächen organisiert wurde. Im Vordergrund standen aber schnell ganz praktische Fragen der Vergabe.

Rund drei Wochen nach dem Start der Vermarktung der Toplevel-Domain (TLD)  .berlin  gab es nach Aussage von  Dirk Krischenowski, Gründer und Geschäftsführer der dotBerlin GmbH, rund 44.000 Reservierungen.    Krischenowskis Firma  hat mit der amerikanischen ICANN, einem Unternehmen, das die weltweite Adressenvergabe im Internet organisiert, einen Vertrag über den Betrieb von .berlin abgeschlossen, musste dafür einen sechsstelligen Betrag zahlen.  Neun Jahre zuvor, so hatte es Senatskanzleichef Björn Böhning  in alten Protokollen gefunden, war Krischenowski erstmals mit der Idee einer solchen Berlin-Domain bei der Senatskanzlei vorstellig geworden. Es brauchte dann lange Jahre  der Verhandlungen mit der ICANN , die schließlich dazu führten, dass sich dotBerlin in einem Vergabeverfahren des Landes Berlin   gegen inzwischen mehrere Mitbewerber durchsetzte.

Mit der neuen Domain-Endung soll der Adressenknappheit  im Internet begegnet werden. Angesichts von gut 15 Millionen vergebenen .de-Domains wird es für neue Unternehmen immer schwieriger, eine einprägsame und passende Internetadresse zu bekommen. Über solche regionalisierten Domain-Endungen  – am Start sind derzeit zum Beispiel auch .hamburg oder.bayern – wäre das wieder möglich. Ein weiteres Problem, auf das Diskussionsteilnehmer hinwiesen, sind Unternehmen, die Domains reserviert haben, um sie dann teuer zu verkaufen.  Die durch sie blockierten Adressen verknappen den Markt zusätzlich.

Nur angerissen werden konnten in der Diskussion die Möglichkeiten, die sich durch die Verbindung mit Berlin als Marke ergeben. Zwar wird es zunächst vielfach bloße Weiterleitungen von .berlin-Adressen auf bereits bestehende .de-Adressen geben. Aber die Chance, sich als regionales Unternehmen zu profilieren und dies über eigene Angebote auf einer eigenen Internetpräsens zu  unterstreichen, könnten längerfristig immer mehr Betriebe überzeugen, hier zu investieren.   Ein kurzer Name sei auf jeden Fall von Vorteil bei der Auffindbarkeit in Suchmaschinen,  so Helga Krüger,  Geschäftsführerin der http.net Internet GmbH und Vorstandsmitglied der Denic eG., die für die Vergabe der deutschen de-Adressen zuständig ist.  Derzeit bestehe allerdings auch die Gefahr, dass das Projekt an der Vergabepraxis scheitere.

Tatsächlich standen die aktuellen Probleme bei der  Reservierung der neuen Domains schnell im Vordergrund, weil viele der Teilnehmerinnen und Teilnehmer damit bereits Erfahrungen gesammelt hatten.  Rund 70.000 Adressen sind derzeit aus unterschiedlichsten Gründen gesperrt. Einige von der Icann aus technischen Gründen, etliche auf Wunsch des Senats, um wichtige Begriffe und Namen von Behörden, aber auch viele Straßennamen zu schützen, wieder andere sollen erst nach einer gewissen Zeit als „Premiumdomains“ auf den Markt kommen.  Anfangs seien aus den Verwaltungen und Bezirken zu viele Namen auf der Sperrliste gelandet, so Björn Böhning. Hier wurde bereits nachgebessert.  Dirk Krischenowski  betonte, dass dotBerlin den Vermarktern der Domains die notwendigen Informationen zur Verfügung stelle. Dennoch ist dort für Kunden nicht immer schnell genug klar, ob eine Berlin-Domain tatsächlich schon vergeben ist, gar nicht reserviert werden kann oder erst später freigegeben wird. Auch auf die im Internet vorhandene  Teilliste   gesperrter Adressen  wird von den großen Vermarktern nicht hingewiesen. Hier  wurde in der Veranstaltung mehr Transparenz gefordert. Dass Berlin-Domains, von einigen Werbeaktionen großer Vermarkter in den ersten Wochen abgesehen, mehr kosten als die de-Domains, begründete Dirk Krischenowski  mit den hohen Investitionskosten. Die Preise würden aber mit zunehmender Vergabe sinken können.

Kreativpakt – ein Bündnis aus Kunst, Wirtschaft und Politik

Foto  Peter Ruhenstroth-Bauer

RA Peter Ruhenstroth-Bauer, Kommunikations­berater in Berlin und Bonn ist Unterstützer des Kreativpakt Vereins, Email (info@p-r-b.de)

Vor Wahlen melden sich oft KünstlerInnen als UnterstützerInnen des politischen Spitzenpersonals zu Wort. Im letzten Bundestagswahlkampf, 2009, war das ein wenig anders. Damals haben sich auf Initiative des Musikproduzenten und Radiomachers Tim Renner Kreative aus allen künstlerischen Sparten mit einem überparteilichen Aufruf zu Wort gemeldet, der etwas von der Politik verlangte. Mit dem Aufruf „Wir brauchen einen Kreativpakt!“ formulierten Kreative von Theater über Literatur bis zur Musik erstmals, was sie selbst als Rahmenbedingungen für die von der Politik immer wieder beschworene, zukunftsweisende Kreativwirtschaft verstehen. Als Erstunterzeichner traten damals u.a. der Filmemacher und Oscar-Preisträger  Pepe Danquart, der DJ Paul van Dyk, der Galerist Frank-Thomas Gaulin, die Schriftstellerin Louise Jacobs, der Designer Axel Kufus, der Blogger Sascha Lobo und der Architekt Meinhard von Gerkan auf. Die UnterzeichnerInnen sprachen sich in fünf Bereichen /Bildung, Soziale Sicherheit, Wertschöpfung und Eigentum, Chancengleichheit und Informationsfreiheit für konkrete Verbesserungen aus.

Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist längst zu einem heimlichen Wirtschaftsfaktor
geworden – und das nicht nur in Berlin. (vgl. Monitoring zu ausgewählten wirtschaftlichen Eckdaten der Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland 2010. BMWi (Hrsg.) 2012. So waren es vor zwei Jahren schon rund 240.000 Unternehmen die unmittelbar im Bereich der Kultur- und Kreativwirtschaft tätig waren. Knapp 90 Prozent von ihnen zählen zu den Klein- bzw. Kleinstbetrieben mit bis zu 10 Beschäftigten. Gerade auch für diese jungen und kleinen Unternehmen sollen, so der Aufruf, die Rahmenbedingungen deutlich verbessert werden. Und noch eine andere Zahl macht deutlich, dass Kultur- und Kreativwirtschaft eine enorme ökonomische Dimension erreicht hat. Rund eine Million Beschäftigte erzielten einen Umsatz von mehr als 137 Milliarden Euro. Und damit ist diese Sparte auf Augenhöhe mit der Automobilindustrie und generierte mehr Umsatz als die Chemieindustrie.

Frank-Walter Steinmeier hat die Forderungen der Kreativen 2009 in seinen Deutschlandplan aufgenommen. Aber auch nach den letzten Bundestagswahlen standen die Voraussetzungen für eine Weiterentwicklung des Potenzials der Kreativwirtschaft weiter auf der Tagesordnung – in der SPD Bundestagsfraktion aber auch bei den Kreativen selbst: sie hatten sich mittlerweile in dem Kreativpakt – Verein eine Form gegeben, um sich für die Verbesserung der Bedingungen der Kreativen einzusetzen. Frank-Walter Steinmeier und die SPD-Bundestagfraktion hat die Kreativwirtschaft als eines der Schwerpunktthemen in dem langfristig angelegten Diskussionsprozess über das Projekt ”Zukunft – Deutschland 2020“ integriert. Das Ergebnis dieses Prozesses kann man hier nachlesen: Reboot Arbeit, update Urheberrecht, bildet soziale Netzwerke! Der Kreativpakt – ein Bündnis von Kultur, Wirtschaft und Politik“.

Die in der Kreativwirtschaft Beschäftigten, so das Ziel, müssen verlässlich sozial abgesichert sein und die Rahmenbedingungen kreativer Arbeit – vom Urheberrecht über die Netz- und Bildungspolitik bis zur Kultur- und Wirtschaftsförderung müssen so gestaltet werden, dass sie wirklich das Potenzial der Kreativwirtschaft in Deutschland weiter entwickeln.

Auf dem Zukunftskongress der SPD-Bundestagfraktion Mitte September 2012 wurden die Ergebnisse dieses Arbeitsprozesses vorgestellt und diskutiert: so wird ein modernes Urheberrecht gefordert, das sich an der Maxime Vergüten statt verbieten ausrichtet. Die Künstlersozialversicherung (KSK) soll modernisiert und erweitert werden. Hier geht es vor allem um die Neudefinition des Künstlerbegriffs für die KSK. Die Kulturförderung darf sich nicht mehr an dem Prinzip „ einmal gefördert – immer gefördert“ ausrichten, sondern muss Experimente zulassen und Avantgarde fördern. Die Wirtschaftsförderung soll gerade bei den Existenzgründungen stärker an den Voraussetzungen der Kreativwirtschaft gemessen werden. Bildung und Weiterbildung müssen den neuen Anforderungen der Arbeitswelt in der Kreativwirtschaft gerecht werden. Und öffentliches WLAN in öffentlichen Räumen sind neben der gesetzlich verankerten Netzneutralität und Diskriminierungsfreiheit Anforderungen an die Netzpolitik.

RA Peter Ruhenstroth-Bauer, Kommunikationsberater in Berlin und Bonn ist Unterstützer des Kreativpakt-Vereins.