Intensiver um die Lebenswelten von Künstlerinnen und Künstlern kümmern

Porträt Joachim Günther

Joachim Günther, Vorsitzender des Kulturforums Stadt Berlin der Sozialdemokratie

Für viele verengt sich das Thema Kultur  in Berlin auf die Frage: Brauchen wir wirklich drei Opernhäuser? Anschließend kommt dann: Und was ist mit Kitas, Schulen und dem öffentlichen Nahverkehr? Das reicht nicht, meint der Vorsitzende des Kulturforums der Berliner Sozialdemokraten, Joachim Günther, in seinem Gastbeitrag.

Kultur ist heute ein Thema in der Mitte der Gesellschaft. Auch diejenigen, die nicht zu den 3 – 5 % der Kulturinteressierten im engeren Sinne gehören konsumieren je nach Vorliebe jeden Tag jede Menge Kultur: Als Leselektüre, im Radio, im Fernsehen und immer mehr im Netz. Musik, Romane, Filme, Serien. Es ist erstaunlich: Obgleich auch die sogenannte „Massenkultur“ immer differenzierter und vielfach auch anspruchsvoller geworden ist, wird Kultur als Nischenthema angesehen. Und ein Gregor Gysi versteigt sich gar in Bezug auf seine eigene Partei zu der These, Kultur gehöre „nicht zum Markenkern der Linken“.

Die Kultur als Streitpunkt

Wie falsch. Nicht nur wir werden immer mehr in kulturelle Bezüge eingebunden – die Kultur ist inzwischen auch ökonomisch zu einem wesentlichen Schlachtfeld um Märkte und Einfluss geworden, ja sie hat es „geschafft“, ein Hauptstreitpunkt im Feilschen um das sogenannte Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA zu werden. Denn es wird mit Recht befürchtet, dass eine totale Liberalisierung zum Verlust vieler einheimischer Kultur- und Kunstprodukte führen wird. Und dies hätte nicht allein ideelle, sondern auch massive wirtschaftliche Folgen.

Schließlich steigt die Zahl derer, die in kulturbezogenen und künstlerischen Berufen arbeiten ständig – derzeit jährlich um ca. 4 %. Das macht absolut: 50.000 mehr „Kreative“ in der Bundesrepublik Jahr für Jahr. Und davon lebt ein durchaus erheblicher Anteil in Berlin.

Viele dieser Menschen pendeln zwischen Kunst, schöpferischer Arbeit, digitaler Organisation und Produktion. Die „kreative Klasse“ – häufig im Zusammenhang mit Aufwertungs- und Verdrängungsprozessen in innerstädtischen Quartieren genannt – ist in der Mehrheit aber genau Beispiel für das Gegenteil – sie ist, obgleich in der Regel gut qualifiziert – die Vorgängerin prekärer Arbeitsverhältnisse und damit so etwas wie der Dritte Stand des 21. Jahrhunderts.

Dass es nicht zuletzt kulturelle Stärken sind, von denen unsere Zukunft abhängt, wird häufig übersehen. Kulturelle Arbeit ist heute ein wesentlicher Bestandteil der gesellschaftlichen Reproduktion, der wirtschaftlichen Tätigkeit, des Wohlstandes. Es ist die Vielfalt des kulturellen Lebens, die erheblich dazu beiträgt, ein Klima der kreativen Produktion zu schaffen. So ist es geradezu paradox: Wir leben immer mehr von der Kreativität – aber viele Kreative können nicht von ihrer Arbeit leben.

Die kreativen Berufe sind daher vor allem in den Städten im Vormarsch, dort wo die SPD vorrangig ihren Anhang organisiert. Die SPD gewinnt aus dieser Klientel auch schon seit einiger Zeit neue Mitglieder. Dennoch ist keine besondere Vorliebe kreativer Klientele für die SPD zu erkennen.

Auf der anderen Seite hat auch die SPD politischen Nachholbedarf und Grund ihren Blick auf diese Klientel zu lenken, denn die soziale Situation von Kreativen deckt sich oft ziemlich gut mit dem, was sich die Partei seit jeher als soziales Credo auf ihre Fahnen geschrieben hat.

Prekäre Beschäftigung, Mindestlohn und Grundeinkommen

Wer wenig Aussicht auf eine solide sozialversicherungspflichtige Beschäftigung hat, für den ist die Nachricht von der Einführung eines Mindestlohns noch nicht ausreichend, weil sich gerade Künstlerinnen und Künstler häufig in einem Niemandsland zwischen Selbstständigkeit und Arbeitsvertrag bewegen. Möglicherweise ist daher für viele das „bedingungslose Grundeinkommen“ erstrebenswert. Dies trifft – aus vielen nachvollziehbaren Gründen – auf die Skepsis in sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Kreisen. Aber wenn denn dem so ist, dann ist es umso wichtiger, die Frage nach einem angemessenen Einkommen zum Thema zu machen, wie auch andere Fragen der sozialen Sicherung, des Arbeits- und Urheberrechts von Bedeutung sind. Doch die Bedeutung von Kultur und kultureller Arbeit muss weit darüber hinaus gedacht werden. Kulturelle Kompetenz und Bildung sind grundlegend, um mehr Chancengleichheit in der Gesellschaft zu erreichen. Kunst und Kultur sind Katalysatoren von Toleranz und sozialem Miteinander in Zeiten der Globalisierung. Sie sind zugleich Humus für das Weiterdenken, für Fortschritt und neues Denken. Künstlerinnen und Künstler können Impulse geben, Richtungen verstärken – aber sie können sich auch abwenden bzw. sich zunehmend lauter zu Wort melden.

Signale in Richtung der Kreativen senden

Es sind also dicke Bretter zu bohren, um wirkliche Signale in Richtung vieler Kreativer zu senden. Eine Wahlkampfunterstützung von Künstlerinnen und Künstlern in einem Umfang, wie sie in den Zeiten Willy Brandts möglich war, ist nicht einfach wiederholbar. Es war die Aussicht auf mehr Teilhabe in der Gesellschaft, die damals viele Menschen in künstlerischen Berufen an die Seite der SPD führte – ein Thema, das in neuer Form auch heute wieder auf der Tagesordnung steht. Die Verständigung oder gar ein Bündnis mit den Kreativen in der Gesellschaft ist also ein strategisches Ziel für die Sozialdemokratie und zugleich alles andere als ein Selbstläufer. Heute geht es darum, die neuen kulturellen Lebenswelten zu verstehen, sie ernst zu nehmen und daraus eine Politik für die Zukunft zu formulieren.

Joachim Günther

Das Kulturforum ist ein eingetragener Verein, der seine Arbeit aus den Beiträgen seiner Mitglieder finanziert. Der Mitgliedsbeitrag pro Jahr beträgt 50 Euro. Beitrittsformulare und Berichte über die Arbeit des Kulturforums gibt es unter www.kultur-in-berlin.com

Freiheit oder Sicherheit? Kreativszene diskutierte über Mindeststandards

Wie viel Freiheit brauchen Kreative, wie viel Sicherheit? Diese Frage stand im Mittelpunkt  einer Diskussion über Mindeststandards in der Kreativbranche, zu der die AG Kreativwirtschaft des Fachausschusses Wirtschaft der Berliner SPD im September geladen hatte.

Diskussion über Mindeststandards in der Kreativszene

Es ist eine vielschichtige Szene, die Berlin seit Jahren bereichert, selbst aber nicht selten an der Armutsgrenze lebt. Und es ist eine sehr breit gefächerte  Szene, auf der einen Seite orientiert auf wirtschaftliche Verwertung und monetären Erfolg, auf der anderen auf den schöpferischen Prozess, auf die Kunst als Wert an sich.
„Kreativität ist der Rohstoff des 21. Jahrhunderts“, heißt es in einem Grundsatzpapier des  Kreativpakts, eines Bündnisses, initiiert von der SPD-Bundestagsfraktion gemeinsam mit Schriftstellern, Filmemachern, Produzenten, Verlegern, Galeristen, Architekten, Bloggern und DJs.  Der Pakt, so erläuterte Prof. Tim Renner, Geschäftsführer der Motor Entertainment GmbH, will bessere Bedingungen für die Kreativwirtschaft in Deutschland schaffen, es geht ihm um die Festschreibung von Mindesthonoraren, aber auch um eine langfristige Sicherung der Künstlersozialkasse, die für freiberuflich tätige Künstlerinnen und Künstler den Arbeitgeberanteil zur Kranken- oder   Rentenversicherung zahlt.
Einig war sich Tim Renner mit Jürgen Schepers, Branchenkoordinator Kreativwirtschaft der IHK Berlin und  Christophe Knoch, Sprecher der Koalition der Freien Szene, in der Einschätzung der Bedeutung der Kreativszene gerade für Berlin. Sie trage ganz wesentlich zum Tourismusboom und zur gestiegenen Wirtschaftskraft der Stadt bei.
So ist der Umsatz der Berliner Kulturwirtschaft seit dem Jahr 2000 um 25 Prozent gestiegen. Für Berlin, das aufgrund der  historischen Entwicklung über  weniger Industriearbeitsplätze verfügt, ist das ein Lichtblick. Viele  große Firmen hatten  der  Stadt  in den vierziger und fünfziger Jahren  schon während der massiven Bombardierungen und später während der Ost-West-Auseinandersetzungen den Rücken gekehrt. Der Westteil Berlins wurde zur verlängerten Werkbank,  Industrie siedelte sich allenfalls an, um Fördermittel  beanspruchen zu können. Ost-Berlins Industrie war nicht konkurrenzfähig, nach 1989 wurden die Betriebe weitgehend geschlossen.  Gerade die Umbruchsituation, die freien Räume, die günstigen Mieten zogen nun Künstler und Startup-Unternehmer an.
Noch ist Kreativität in Berlin ein nachwachsender Rohstoff, doch müsse das nicht so bleiben, warnten Diskussionsteilnehmer. Andere europäische Metropolen könnten Berlin den Rang ablaufen, wenn hier die Mieten weiter steigen und die soziale Situation schwieriger wird.
Jürgen Schepers wies auf die sehr unterschiedlichen Bedingungen  der verschiedenen Bereiche hin, die eben nur zum Teil auf Gewinnerzielung und den Markt ausgerichtet seien. Aber auch im öffentlich geförderten Kulturbereich ist die Situation nicht einheitlich. Zwar ist der Kulturetat in den vergangenen Jahren trotz Sparzwangs stabil geblieben oder sogar gestiegen. Aber manche Erhöhung ist auch in Tariferhöhungen der festangestellten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an den Theatern und Opernhäusern geflossen.  Ihre Förderung steht weitgehend fest, sie bieten den Beschäftigten ein Stück mehr Sicherheit.  Dort, wo aus dem Kulturetat einzelne künstlerische Projekte gefördert werden,  gibt es solche Tariferhöhungen nicht.  Die Folge sind weitere Einschränkungen in den Honoraren. Vehement forderte Christophe Knoch eine stärkere finanzielle Unterstützung der vielfältigen Angebote der freien Szene durch den Berliner Senat ein.   Aus Steuermitteln müssten letztlich auch Forderungen der freien Szene nach  Ausstellungshonoraren  für Künstlerinnen und Künstler, die in kommunalen Galerien ihre Arbeiten zeigen,  finanziert werden.
Die Frage, wie viel Geld die Gesellschaft für Kunst und Kultur zur Verfügung stellt, stand damit zwar im Mittelpunkt der Diskussionsveranstaltung.  Aber bei aller Unterschiedlichkeit der Bereiche: Viele Entwicklungen treffen die gesamte Kreativszene.  Mit steigenden Mieten kämpfen Künstlerinnen und Künstler, die Ateliers suchen,  genauso wie die Gründer von Startup-Firmen. Steigende Kosten verringern zugleich die Spielräume für die Bezahlung von Mitarbeitern.  Selbstausbeutung gehört zum Alltag von Schauspielerinnen oder Schauspielern  freier Theatergruppen ebenso wie  von Praktikantinnen und Praktikanten in Internet-Firmen.
Klar ist: Kunst und Kreativität braucht Freiheit.   Diese Freiheit wird oft genug mit finanziellen Einschränkungen erkämpft.  Staat und Wirtschaft profitieren von der kreativen Arbeit und ihren schöpferischen Prozessen und müssen deshalb auch gemeinsam für ihren Erhalt und ein Stück Sicherheit in der Freiheit sorgen.
Stellschrauben dafür gibt es viele. Das kann eine veränderte Liegenschaftspolitik für Gründer sein, eine gut organisierte Zwischennutzung von Läden der städtischen Wohnungsbaugesellschaften durch Künstler, der Ankauf von Kunst über eine erneuerte Soziale Künstlerförderung, Beratungs- und Vernetzungsangebote für Firmen, die Durchsetzung  von Mindestlöhnen und Mindesthonoraren, die Auslobung von Kunst- oder Literaturpreisen, die Förderung fairer Arbeitsverhältnisse. Über all diese und viele weitere Fragen sollte die Diskussion fortgesetzt werden.

Belohnung ausgesetzt – Mindeststandards in der Kreativwirtschaft!

Die prekären Beschäftigungsverhältnisse sind Thema einer Podiumsdiskussion, organisiert vom Fachausschuss Wirtschaft und Arbeit der Berliner SPD. Hierzu laden wir herzlich ein, am:

Freitag, 6. September 2013, Galerie im Kurt Schumacher Haus, Müllerstr. 163, Berlin-Wedding (S- und U-Bahn Wedding)

Beginn: 18 Uhr

Der Eintritt ist frei.
Um Anmeldung wird gebeten:
http://www.spd-berlin.de/VA-Kreativwirtschaft

Der Kreativbereich ist für viele Menschen nach wie vor ein attraktives und innovatives Arbeits- und Berufsumfeld. Hier lassen sich eigene Ideen kreativ und künstlerisch umsetzen. Durch den Wandel von der Industrie- in die Wissensgesellschaft entstehen viele neue Arbeitsplätze und Tätigkeitsfelder in der Kultur- und Kreativwirtschaft. Schnell zeigt sich jedoch, dass die soziale und wirtschaftliche Lage in kreativen Berufen und Tätigkeiten aufgrund der Arbeits- und Lebensrealitäten mitunter sehr schwierig, sogar kritisch und prekär ist. Das Bild in der Öffentlichkeit ist geprägt von einigen „Stars“ aus der Kreativszene mit sehr hohen Einkommen. Lebensrealität ist aber oft, das faire Einkommen und soziale Sicherung in dieser Branche für viele mehr Wunsch als Realität sind. Wir wollen im Rahmen dieser Veranstaltungen aktuelle Problemlagen aufzeigen und Lösungen diskutieren.

Auf dem Podium: Barbara Loth, Berliner Staatssekretärin in der Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen, Vorsitzende des Fachausschusses Wirtschaft und Arbeit und Staatssekretärin in der Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen, Prof. Tim Renner, Geschäftsführer Motor Entertainment GmbH, Jürgen Schepers, Branchenkoordinator Kreativwirtschaft der IHK Berlin und Christophe Knoch, Sprecher der Koalition der Freien Szene.

Moderation: Josephine Steffen, Pressesprecherin der Berliner SPD