Stadtplanung und Kreativwirtschaft

Kreativwirtschaft ist in aller Munde, und alle wollen die Kreativen und ihre Wirtschaft irgendwie fördern – Fördergelder und music boards, Positionspapiere und Kompetenzzentren, Ideenwettbewerbe und Blogprojekte. Dabei geht manchmal vergessen, wie stark gerade auch die Kreativwirtschaft von allerlei Rahmenbedingungen abhängig ist. Die „urbane Umwelt“, wie die Stadt aussieht und sich entwickelt, sticht besonders hervor. Wer der Kreativwirtschaft wirklich Sorge tragen will, muss hier genauso ansetzen wie bei den diversen Förderprojekten. Im Vordergrund stehen:

1. Günstige Wohn- und Gewerberäume
Trotz punktueller finanzieller Erfolge von start-ups, gut verdienenden Autorinnen und Autoren mit fünfstelligen Vorschüssen oder erfolgreichen Bands: Die Kreativwirtschaft ist und bleibt eine Branche mit tiefer Wertschöpfung und kargen Löhnen. Tiefe Mieten für Wohnungen genauso wie für Gewerberäume sind überlebensnotwendig. Berlin ist hier stark, auch wegen der historischen Entwicklung, und es ist auch dank der relativ tiefen Mieten dass die Kreativwirtschaft eher hier blüht als in teuren Städten wie Paris oder London. Die Entwicklung der letzten Jahre hat aber gezeigt, dass sich das auch ändern kann. Eine umsichtige Stadtplanung, die für tiefe Mieten sorgt, ist nicht nur aus sozialen Gründen wichtig, sondern eben auch für die Kreativwirtschaftlerinnen und Kreativwirtschaftler. Besonders der Bedarf an kleineren Büro- und Atelierflächen (10-100 Quadratmeter) ist groß. Ausverkauf von landeseigenem Boden an rein profitorientierte Investoren, Wohlstandsghettos mit Luxuswohnungen, Umwandlung von Industriebrachen in Büros und Lofts, Verdrängung durch flagship stores: So wird die Kreativwirtschaft aus immer öderen werdenden zentraleren Stadtteilen verdrängt.

2. Freiräume
Das oft unkonventionelle Arbeiten in der Kreativbranche, die Suche nach innovativen Ideen, künstlerisches Arbeiten gedeiht nicht unbedingt in ordentlichen Bürobauten am besten. Beliebter sind es mal ungenutzte Industriebauten oder leere Flächen, auf denen temporäre Behausungen entstehen. Solche Freiräume müssen erhalten bleiben. Gerade in Zeiten zunehmenden Renditedrucks in zentraleren Stadtteilen wird das in Berlin zu einer Herausforderung für die Politik.
Bei „Freiräumen“ geht es aber nicht nur um leere Brachen, sondern auch darum, dass es in Berlin weiterhin Orte geben kann, an denen auch Platz ist für openair-Konzerte oder Clubs, an denen nicht um 23 Uhr der Gehsteig hochgeklappt wird. Das heißt nicht Lärm rund um die Uhr für die Bewohnerinnen und Bewohner. Aber es bedeutet, dass eine kluge Stadtplanung Gebiete ermöglicht, in denen Platz ist für Musik, Theater, Perfomances und alles andere, was über Zimmerlautstärke hinausgeht.

3. Infrastruktur
Ein zuverlässiger öffentlicher Nahverkehr, Fahrradwege, Breitbandinternet auf dem ganzen Stadtgebiet, gratis WLAN an stark frequentierten Orten – die Kreativwirtschaft ist genauso wie andere Branchen auf eine zuverlässige Infrastruktur angewiesen. Es geht aber um mehr als diese „technische“ Infrastruktur, es geht um soziale und kulturelle Netzwerke. Cafés, Kultureinrichtungen, Treffpunkte, Cluster gehören ebenso zu der Infrastruktur, die die Kreativwirtschaft braucht. Nicht immer kriegt der freie Markt das hin, und daher braucht es die Stadtplanung, die diese „Infrastruktur“ schafft oder begünstigt.

Die Kreativwirtschaft weist keine große monetäre Wertschöpfung auf, der finanzielle Spielraum der Unternehmen und Beschäftigten in der Kreativwirtschaft daher klein. Wenn die Berliner Stadtentwicklung dem freien Markt und damit dem dickeren Portemonnaie überlassen wird, kann es für die Kreativwirtschaft schwierig werden. Wenn der Berliner Politik wirklich etwas an der Kreativwirtschaft liegt, muss sie auch die Stadtplanung betreiben, die diese Branche braucht.