Digitalisierung der Musikwirtschaft

„Die Digitalisierung wird die gesamte wirtschaftliche, insbesondere die industrielle Wertschöpfungskette noch einmal verändern. Sie ist daher die Grundvoraussetzung für die Behauptung unserer nationalen und internationalen Wettbewerbsfähigkeit“, so beschreibt Berlins Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe die Digitale Agenda des Landes. In der Musikbranche hat die Digitalisierung schon frühzeitig begonnen. Über die dabei gewonnenen Erfahrungen berichteten jetzt auf einer Veranstaltung des Fachausschusses Wirtschaft Verena Blättermann, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit und politische Kommunikation und stellvertretende Geschäftsführerin des Verbands unabhängiger Musikunternehmen (VUT) und Katja Hermes, Geschäftsführerin des deutschen Büros von Sound Diplomacy, einer Beratungsagentur für den kulturellen Export.

Katja Hermes (Sound Diplomacy) und Verena Blättermann (Verband unabhängiger Musikunternehmen e.V.). Foto: Ulrich Horb.

Es ist eine kleinteilige Branche. Für Innovationen in der Musikindustrie, so Verena Blättermann, sorge vor allem die Vielzahl der Selbständigen, der kleinen und mittleren Unternehmen, die schon früher als die Majors einen höheren Einnahmeanteil aus dem Streaming erzielten. Musik in der Stadt bedeute aber mehr als nur die Musikwirtschaft, es sind auch die Chöre, die Clubs, die Opernhäuser, die Musikschulen.

Berlin sei eine Musikstadt und werde auch so wahrgenommen, so Verena Blättermann. Die Stadt gehört u.a. zu den wichtigsten Zentren für elektronische Musik weltweit.  Es ist eine Stadt, in der die ganze Wertschöpfungskette realisiert werden kann. In der Vergangenheit hat Berlin seine Anziehungskraft auch durch künstlerische Freiräume, bezahlbaren Wohnraum und günstige Lebenshaltungskosten gewonnen. Ändern sich die Rahmenbedingungen, dann könnten irgendwann andere Städte  davon profitieren, so Verena Blättermann. In Deutschland ist es vor allem Hamburg, das die Musikindustrie kontinuierlich fördert und mit dem Reeperbahnfestival einen attraktiven Ort der Begegnung geschaffen hat.

Einige Handlungsmöglichkeiten für Berlin sind in der Studie „beyond! before! bright! in Berlin“  zusammengefasst, die Verena Blättermann vorstellte. So etwa der Aufbau Innovativerer, internationalerer Netzwerke, denn den digitalen Innovatoren sei das Angebot der Netzwerke und Verbände in Berlin bisher zu wenig zukunftsgerichtet.  Um die Arbeit der Führungskräfte zu erleichtern und neue Strategien zu entwickeln, sollte es für die digitalen Musikinnovatoren exklusive Meetings geben. Empfohlen werden besser abgestimmte und internationalere Veranstaltungen, Plattformen und Festivals mit Musik- und Digitalisierungsbezug. Im Bereich Festivals und Veranstaltungen, stellt Verena Blättermann fest, fehle Berlin eine strahlende, herausragende Plattform. Die geringere Bezahlung in der Musikindustrie in Berlin könne angesichts des internationalen Wettbewerbs zu einem Mangel an Fachkräften führen. Umso wichtiger sei  es, dass der Standort Berlin die vor allem auch internationalen Fachkräfte weiterhin durch günstige Lebenshaltungskosten und eine attraktive Clubkultur anlocke und an sich binde. Freiräume in der Stadt müssten erhalten bleiben und geschützt werden. Gentrifizierung sei auch eine Belastung für die Unternehmen, so die Studie. Zudem sollte die Berlin Music Commission Kompetenzen für die digitale Produktion vermitteln.

Katja Hermes hält eine übergeordnete Vision für alle Bereiche der Musik für notwendig. In der Diskussion kamen auch gut funktionierende Praxisbeispiele wie der „Night Mayor“ in Amsterdam zur Sprache, der sich speziell um die Belange der Clubszene und der Nighttime-Wirtschaft kümmert. Das betrifft auch die Stadtentwicklung, die öffentlichen Verkehrsangebote. Verena Blättermann regte bessere Förderinstrumente für Kleinst- und Kleinunternehmen an. Sie plädierte dafür, nicht ein neues Festival mit Fördermitteln aufzubauen, sondern diese Förderung in die Branche zu investieren. Das Ende der Berlin Music Week habe gezeigt, wie schwierig es sei, die unterschiedlichen Interessen und Bedürfnisse unter einen Hut zu bringen.

Transparente Lösungen müsste es bei der Entwicklung neuer Einkommensströme und bei Lizenzmodellen mit Plattformen wie YouTube geben. Die neue dritte Welle der Digitalisierung, in deren Fokus vor allem die Selbstvermarktung steht, wird die Branche weiter strukturell verändern. Neue Formen der Zusammenarbeit werden nötig, wenn etwa YouTube keine Verträge mit Einzelpersonen abschließt. Die Musikbranche hat wieder eine Vorreiterstellung inne, wenn es um die Entwicklung neuer Modelle und das Erkennen von Regelungsbedarf  geht.

Ein wichtiges Anliegen von Verena Blättermann und Katja Hermes ist die Förderung von Frauen in der Musikbranche. So hat der Verband unabhängiger Musikunternehmen e.V. (VUT) vor zwei Jahren ein Mentoring-Programm speziell für den weiblichen Nachwuchs der Musikbranche ins Leben gerufen, das weiter ausgebaut wird.

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