Musikszene: Was wird aus der Musikmetropole Berlin, wenn die Kreativen wieder abwandern?

Erik Eitel, Vorstand All2gethernow e.V. / Gründungsmitglied Music Pool Berlin

Erik Eitel, Vorstand All2gethernow e.V. / Gründungsmitglied Music Pool Berlin

Ein Gastbeitrag von Eric Eitel (Vorstand All2gethernow e.V. / Gründungsmitglied Music Pool Berlin)

Im kreativen Umfeld der Kulturmetropole Berlin ist in den letzten Jahrzehnten eine der schillerndsten und renommiertesten Musikszenen entstanden. Diese Entwicklung wurde durch wenig regulierte urbane Räume, als Folge der Wiedervereinigung von Ost- und Westberlin, begünstigt. Die dadurch möglich gewordenen spontanen Aneignungen sowie Zwischennutzungsangebote waren ideale Bedingungen für das Entstehen einer vitalen Clublandschaft und somit reichhaltige Auftrittsmöglichkeiten für Bands und DJs. Niedrige Mieten und generell günstigere Lebenshaltungskosten ermutigten daraufhin viele Musiker und Kreative, sich in Berlin niederzulassen und hier ihrer Kunst nachzugehen.

Bekanntermaßen sind kreative Milieus aber volatile und sehr mobile Formationen, die einem Standort schnell den Rücken zuwenden, wenn neue, aufregendere „Kultur-Hotspots“ mit noch günstigeren Lebensbedingungen entstehen. Die kreative Karawane zieht dann einfach weiter, ein Phänomen, das sich beispielsweise im Fall von Prag plastisch verdeutlichen lässt. Mitte der 90er Jahre lebten in der tschechischen Metropole schätzungsweise 30.000 bis 40.000 amerikanische „Expats“, heute sind es nur noch ungefähr 3000. `Prague Is Over‘ titelte die Washington Post Ende der 90er Jahre. Hauptgründe für die Abwanderung der „Bohemians“, darunter viele Musiker, waren steigende Mieten und Lebenshaltungskosten, Stichwort „Gentrification“ aber auch hohe bürokratische Hürden, die einer gesellschaftlichen Integration und beruflichen Etablierung im Wege standen.

Berlin könnte irgendwann in nächster Zukunft mit einer sehr ähnlichen Situation konfrontiert sein. Die Mieten explodieren, Clubs und Veranstaltungsorte müssen wegen Anwohnerbeschwerden schließen oder werden an die Ränder der Stadt gedrängt. Und andere europäische Städte stehen bereits in den Startlöchern, um die Rolle Berlins als kultureller Magnet für die kreativen Milieus zu übernehmen. In anderen Kreativ-Bereichen, wie der beispielsweise der Internetwirtschaft, ist dies bereits zu beobachten. So hat der populäre Berliner Musik-Streamingdienst Soundcloud neulich ein neues Büro in Sofia eröffnet. Andere Unternehmen wollen jetzt folgen.

Um diesem hausgemachten Trend etwas entgegenzusetzen und die Musik-Szenen nachhaltig an Berlin zu binden ist eine gezielte Unterstützung, nicht nur der Expats, nötig. Gerade im Kontext einer sich in Transformation befindlichen Musikwirtschaft brauchen Musikerinnen und Musiker ein kontinuierliches und vor allem unbürokratisches Beratungs- und Weiterbildungsangebot für Fragen rund um ihre Professionalisierung. Darüber brauchen sie aber auch eine Plattform, auf der Vernetzung stattfinden und Forderungen an Politik und Gesellschaft gemeinsam formuliert werden können. Denn um als Musikkünstler unter den herrschenden Bedingungen erfolgreich bestehen zu können, reicht musikalische Virtuosität zumeist nicht mehr aus. Mit den Möglichkeiten, die die digitale Revolution auch der Musikwirtschaft beschert hat, agieren Musiker heute in den meisten Fällen viel mehr wie ein mittelständisches Unternehmen: von der Finanzierung des nächsten Albums per Crowdfunding, über die Promotion-Arbeit in den sozialen Netzwerken bis zur digitalen Distribution. „Musikmachen“ beinhaltet immer mehr Management-Aufgaben, für die Musikschaffende Beratung und Weiterbildung benötigen.

Und hier schließt sich der Kreis. Um kreative Menschen, wie eben Musiker, an Standorte zu binden, muss man ihnen einerseits die Möglichkeiten aufzeigen, wie sie mit ihrer Kunst ihre Existenz nachhaltig bestreiten können. Darüber hinaus muss ihnen Mitsprache bei der zukünftigen Gestaltung des urbanen Raums und kulturellen Lebens gewährt werden. Denn die Zeiten der illegalen Clubs, der billigen Zwischennutzungen und billigen Mieten, also des unbeschwerten Bohemiantums in Berlin, sind bald vorbei. Wenn Berlin seinen Status als Musikmetropole behalten und ausbauen will, müssen jetzt die Grundlagen für die professionelle Etablierung und Teilhabe der Musikszene und den kreativen Milieus geschaffen werden.

Foto des MusicPool-Teams Berlin.

Das Gründungsteam des Music Pool Berlin (v.l.n.r. Olaf Möller, Andrea Goetzke, Eric Eitel, Kirsten Grebasch, Melissa Perales, Robert Witoschek – Foto: Fabian Zapatka)

Ein Grundstein für eine nachhaltige Förderkultur ist jetzt mit der Gründung des Music Pool Berlin gelegt, ein Kooperationsprojekt des Musik-Think-Tanks all2gethernow e.V., der noisy Musicworld und der Clubcommission, die sich um die Belange von DJs und Clubkultur in Berlin kümmert. Der Music Pool Berlin wird zukünftig als zentrale Anlaufstelle für Musikerinnen und Musiker in Berlin dienen, die Beratung für ihre Professionalisierung suchen und sich mit ihren Kolleginnen und Kollegen austauschen und vernetzen wollen. Dank der Förderung durch das Musicboard Berlin und Mitteln der EU, ist das Beratungsangebot für Musikschaffende kostenlos und nahezu bürokratiefrei. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Music Pool, die selbst alle aus den unterschiedlichen Musikszenen kommen, erarbeiten mit den Ratsuchenden einen Förderplan, empfehlen Weiterbildungsmaßnahmen oder vermitteln an Experten oder andere, vielleicht schon bestehende Angebote. Mit Hilfe des Music Pool Berlin soll also nicht einfach ein weiterer Förderverein für planlose Künstler geschaffen werden. Vielmehr hilft sich die Musikszene in diesem Fall selbst, in dem sie ohne bürokratische Hürden Bedarfe ermittelt, bestehende Förder- und Beratungsstrukturen nutzt und sich selbst eine Vernetzungsplattform schafft.

Der Music Pool Berlin nimmt seine Arbeit Mitte Januar 2014 auf, die Finanzierung ist vorerst für zwei Jahre gesichert, dann wird zu Evaluieren sein, ob der damit gewählte Ansatz der Hilfe zur Selbsthilfe von der Szene angenommen wird, ob eine nachhaltige Professionalisierung und Vernetzung flächendeckend gelingt und ob dies dazu führt, dass Musikerinnen und Musiker der Stadt auch über die guten alten Zeiten hinaus die Treue halten werden und sie nach ihren Vorstellungen mitgestalten.

Über Music Pool Berlin

Music Pool Berlin startet ab 15. Januar 2014 als die zentrale Anlaufstelle für Musikerinnen und Musiker in Berlin. Das Beratungs- und Qualifizierungsangebot von Akteuren aus der Musik-Szene soll Musikschaffenden Informationen, Weiterbildung und Netzwerkkontakte mit dem Ziel vermitteln, sich in der Musikwirtschaft erfolgreich zu etablieren. Music Pool Berlin ist ein Kooperationsprojekt von all2gethernow (http://www.all2gethernow.de), noisy Academy (http://www.noisy-musicworld.com/academy.html) und der Clubcommission (http://www.clubcommission.de/).

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